03.09.2026
Eine kleine Reise in die Geschichte des Kerry Blue Terriers – aus den Erinnerungen einer Richterin. 💙
Diese wunderbare, humorvolle und sehr persönliche Geschichte stammt von Jūratė Butkienė aus Kaunas, Litauen – einer international erfahrenen Allround-Richterin für alle Hunderassen, Best-in-Show-Richterin (CACIB/CAC) sowie Richterin für Junior Handling. Veröffentlicht und ins Deutsche übersetzt mit freundlicher Genehmigung von Jūratė Butkienė.
„Am Morgen hüten sie das Vieh; mittags kommen sie nach Hause und laufen im Kreis, um die Butter zu schlagen; am Nachmittag hüten sie wieder, und nach dem Abendessen werden sie hinausgeschickt, um Schafe, Hühner, Gänse und Schweine zu bewachen. Ihre letzte Aufgabe vor dem Schlafengehen besteht darin, irgendeinem Iren die Hose herunterzureißen.“
So schrieb im Jahr 1924 ein irischer Züchter über den Kerry Blue Terrier.
Und ich fliege morgen direkt in die Heimat dieser wunderbaren Rasse, um in Irland Kerry Blue Terrier zu richten.
Als ich meinen kleinen Koffer packte, musste ich aus irgendeinem Grund an das erste Mal denken, als ich in meinem Leben diese Rasse wirklich ernsthaft richten durfte. Wann genau das war, kann ich heute nicht mehr sagen – irgendwann zwischen 1980 und 1990, zu einer Zeit, als weder wir noch dieses Land bereits vollwertige Mitglieder der FCI waren.
Damals war das Niveau der Kerry Blue Terrier in Russland außerordentlich hoch. Richter aus Amerika, Kanada oder England waren häufig ziemlich überrascht, dass es in einem so abgeschotteten Land nicht nur ein paar gute Hunde gab, sondern ganze Ringe voller hervorragender Kerrys. 150 Hunde auf einer einzigen Ausstellung waren nichts Ungewöhnliches.
In St. Petersburg, damals noch Leningrad, leitete meine gute Bekannte Olga Reschetnikowa den Kerry-Blue-Terrier-Club. Von ihr bekam ich eine Einladung zum Richten.Jugendlicher Leichtsinn, könnte man sagen – warum also nicht hinfahren? Nur wusste ich damals noch nicht, wie viele Kerry Blue Terrier dort sein würden. Als ich die Zahl 160 sah, wurde mir doch etwas mulmig. Ich war noch eine ziemlich unerfahrene Richterin und sagte, dass mir das eindeutig zu viele seien. Also wurde der Ring geteilt: Ich bekam die Hündinnen, mein damaliger Mann die Rüden. Vor St. Petersburg sollten wir noch in einer anderen Stadt richten. Wir stiegen in einen Nachtzug und fuhren los. Irgendwann fragte mein Mann plötzlich: „Sag mal, weißt du eigentlich ganz genau, in welche Stadt wir fahren?“ Wir schauten uns die Strecke des Zuges an und begannen beide angestrengt, unser Gedächtnis zu bemühen. Keine Handys. Keine Notizen. Wir waren unterwegs wie zwei Pioniere. Schließlich beschlossen wir, dass es wohl diese eine Stadt sein müsse. Gegen drei oder vier Uhr morgens stiegen wir aus. Ein leerer Bahnhof. Niemand holte uns ab. Geld hatten wir kaum dabei – wozu auch? Die Fahrkarten hatten wir, Unterkunft und Verpflegung würden schließlich gestellt. Wir entdeckten einen Milizionär und baten ihn, uns ein paar Münzen für die Telefonzelle zu leihen. Ich rief zu Hause an. Natürlich ging niemand ans Telefon. Welcher normale Mensch nimmt mitten in der Nacht den Hörer ab? Vielleicht beim zehnten Versuch erreichte ich endlich jemanden und bat darum, das Notizbuch mit den Telefonnummern zu suchen und mir die richtige Nummer durchzugeben. Also wieder zum Milizionär, wieder Münzen erbetteln, wieder zur Telefonzelle. Irgendwann kam tatsächlich jemand, um uns abzuholen. Es stellte sich heraus, dass die Organisatoren seelenruhig geschlafen hatten und überhaupt nicht vorgehabt hatten, uns mitten in der Nacht irgendwo zu suchen.
Untergebracht wurden wir nicht in einem Hotel, sondern in einer Wohnung, die bereits voller Hunde für die Ausstellung am nächsten Tag war. Als wir uns gegen sechs Uhr morgens endlich hinlegten, wurden die einen Hunde bereits gebadet, die anderen geföhnt und die nächsten gekämmt.
Eine halbe Stunde Schlaf – und ab zur Ausstellung.
Wir richteten, alles ging gut, und anschließend setzte man uns in den nächsten Nachtzug nach St. Petersburg. Diesmal bekamen wir allerdings nur Sitzplätze. Irgendwann schaute ich auf meine Füße und stellte fest, dass ich ein kleines Problem hatte. Es war Hochsommer und heiß. Nach der langen Reise und dem ganzen Tag auf den Beinen waren meine Füße so angeschwollen, dass sie nicht mehr in die hübschen Schuhe passten, die ich als junge Dame selbstverständlich für meine Arbeit im Ring mitgenommen hatte. Während der Nacht im Zug schwollen sie noch weiter an. In St. Petersburg stieg ich praktisch barfuß aus dem Zug. Und natürlich regnete es dort auch noch. Vom Bahnhof mussten wir direkt zur Ausstellung fahren. Olgas Mann erwies sich als wahrer Gentleman und organisierte für mich seine eigenen Turnschuhe – vermutlich Größe 44, so genau weiß ich das heute auch nicht mehr. Also zog ich zu meiner hübschen Ausstellungskleidung diese riesigen Turnschuhe an, und los ging es. Auf dem Ausstellungsgelände war es eng. Überall wurden Hunde geschnitten, gekämmt und geföhnt. Menschenmassen überall.
Ich kam zu meinem Ring – und sah dort ungefähr zwanzig Hündinnen in der Jugendklasse. Alle schwarz. Und in diesem Moment wurde mir selbst ein bisschen schwarz vor Augen. Ich war schon seit meiner Kindheit ein sehr verantwortungsbewusster Mensch. Deshalb war mein erster Gedanke nicht einmal, wie ich diese Hunde richten sollte.
Mein erster Gedanke war vielmehr, wie ich es schaffen könnte, vor lauter Angst nicht in Ohnmacht zu fallen – und gleichzeitig die Leute nicht merken zu lassen, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben so viele Kerry Blue Terrier auf einmal sah. Am Anfang kamen mir diese jungen schwarzen Hündinnen fast alle gleich vor. Damals schrieben wir für jeden einzelnen Hund noch eine sehr lange, detaillierte Beurteilung – von der Nasenspitze bis zur Rute. Wie genau ich den ersten oder zweiten Hund gerichtet habe, könnte ich heute wahrscheinlich nicht mehr sagen. Aber dann schaltete sich plötzlich irgendetwas in meinem Kopf um. Mein Blick wurde klarer, die Angst verschwand – und meine ungefähr achtzig Kerrys arbeitete ich bis zum Ende durch. Nach der Ausstellung saß ich beim Bankett und wartete auf mein Urteil. Die ganze Zeit dachte ich darüber nach, was ich da wohl angerichtet hatte. Ich hatte schließlich überhaupt keine Ahnung, ob ich gut oder schlecht gerichtet hatte. Ich hatte einfach so gerichtet, wie ich die Hunde gesehen hatte. Als schließlich die Danksagungen an die Richter ausgesprochen wurden, saß ich da und wartete darauf, wann wohl die Kritik beginnen würde. Aber sie kam nicht. Mehr noch: Später erfuhr ich von Leuten aus dem Club, dass ich die ersten drei Plätze praktisch genauso vergeben hatte, wie es auch die erfahrenen Rassespezialisten meistens getan hatten. Nur bei Platz vier gingen die Meinungen auseinander. Dort hatte ich einen Kerry des alten Typs platziert – eines Typs, der damals bereits zunehmend als nicht mehr erwünscht angesehen wurde. Als ich wieder zu Hause war, begann ich natürlich sofort herauszufinden, was es mit diesem „alten“ und „neuen“ Typ auf sich hatte und worin genau die Unterschiede bestanden. Erst später erfuhr ich noch ein kleines Detail: Diese 160 Kerry Blue Terrier waren ursprünglich überhaupt nicht für mich gemeldet worden. Eigentlich sollte ein sehr berühmter Rassespezialist aus Kanada oder Amerika kommen – heute weiß ich nicht mehr, wer es war. Aber er kam nicht. Und so bekam ich vollkommen ungeplant eine der wichtigsten Lektionen meiner jungen Richterlaufbahn. Ich würde niemandem wünschen, seine erste wirklich ernsthafte Begegnung mit einer Rasse gleich mit einem Ring von achtzig Hunden zu beginnen – vor allem dann nicht, wenn man selbst als Richter noch ziemlich grün hinter den Ohren ist. Aber bekanntlich hat auch etwas Schlechtes oft sein Gutes.
Diese kalte Dusche hat mir sehr geholfen. Bis heute nehme ich, bevor ich eine Rasse richte, den Standard noch einmal zur Hand und lese mir die wichtigsten Punkte durch. Allerdings beginne ich inzwischen meistens von hinten. Denn wenn ich vorne anfange, bin ich manchmal schon eingeschlafen, bevor ich am Ende angekommen bin. Und morgen geht es wieder nach Irland. Wieder Kerry Blue Terrier. Nur hoffe ich dieses Mal wenigstens zu wissen, in welche Stadt ich fliege. Schließlich wird es nicht mein erstes Mal sein, dass ich für diesen Club richte.
Jurate Butkiene
Was passiert bei einer Ausstellung?
Mein Hund wird in seinem Erscheinungsbild und wie ich ihn präsentiere durch einen Richter bewertet.
Dieses klingt so ja nicht schwer, und doch kann und sollte man einiges vorher üben.
Das freie Stehen kann ich schon früh als kleine Übungen in den täglichen Ablauf mit einbauen.
Bei uns gibt es nach jeder Ausstellung ein neues Spielzeug und so ist die Freude immer riesig.
Der Richter erwartet von uns die Fairness und den Respekt, den auch er uns entgegenbringt.
©Text Sabine Mertens